Die Hände hinter dem Erfolg

Rennradfahrer fährt während eines Radrennens über eine steile Kopfsteinpflasterstraße in einem historischen Dorf.
Der Nationalpark Bike-Marathon ist eine Erfolgsgeschichte, die weit über die Ziellinie hinausreicht. Doch was wäre das Spektakel ohne jene, die im Schatten der Sportlerinnen und Sportler ebenfalls Grosses leisten? Wir haben hinter die Kulissen geblickt und erlebt, wie die Leidenschaft der Voluntaris das Rennen Jahr für Jahr zum Leben erweckt.
Gruppe von Radfahrern mit Rennrädern, deren Spiegelbild sich in einer Pfütze zeigt.

Euro-Bargeld, der weltweite Hype um «Harry Potter und die Kammer des Schreckens» oder der Siegeszug der ersten Kamerahandys: Das Jahr 2002 markierte einen Aufbruch in eine neue Ära. Die Hymne «Lose Yourself» wird zum Soundtrack für den «one shot», den entscheidenden Moment. Mountainbikerinnen und Mountainbiker erleben einen anderen Startschuss: die Premiere des Nationalpark Bike-Marathons. Schon damals übertraf das Event alle Erwartungen: Statt der erwarteten 600 Teilnehmenden kamen 1000 begeisterte Biker – und jedes Jahr werden es mehr. Das Rennen ist ein Glücksfall für die Region: Es zieht Besuchende aus nah und fern an, kurbelt den Tourismus an und bringt fast eine Million Franken in die lokale Wirtschaft. Kein Wunder, knackige Aufstiege und eine Landschaft mit einem Hauch Kanadas machen das Rennen rund um den Schweizerischen Nationalpark einzigartig.

Ein Klassiker mit Weltformat

Die Königsdistanz verlangt dabei einiges an Kondition: 141 Kilometer und 3848 Höhenmeter sorgen für eine Extraportion Laktat in den Muskeln. Nicht ohne Grund wird normalen Touren-Bikern deshalb empfohlen, diese Strecke gemütlich in vier Etappen zu fahren. So oder so: Fahrtechnisch bleibt die Runde moderat, nur gelegentlich kratzen einzelne Passagen am S3-Niveau. Dafür begeistert die Tour landschaftlich Schlag auf Schlag mit spektakulären Aussichten. Kurz: Ein Tourenklassiker, der früher oder später auf jeder Bike-Bucket-List landen sollte. Doch während die Athletinnen und Athleten im Rampenlicht stehen, schlägt das wahre Herz des Marathons im Verborgenen. Dort wo üblicherweise keine Kameras stehen. Und zwar bei den 500 freiwilligen Voluntaris.

Abstellbereich für Mountainbikes beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

Das wahre Herz schlägt im Verborgenen

Ich fröstle leicht, als ich mit meiner Kamera losziehe, doch die Augen der Kinder leuchten. Kein Wunder: Das Kids Race startet gleich. Während die kleinen Profis von morgen nervös an ihren Lenkern nesteln, stehen sie bereits im Einsatz: die Voluntaris. In gelben Regenjacken, die Kapuzen tief im Gesicht, sichern sie die Strecke, verteilen Startnummern und bewahren trotz des Wetters die Ruhe.

Nur ein paar Meter weiter trotzen andere Voluntaris am Merchandise-Stand der Kälte. Mit flinken Fingern falten sie Shirts, beraten bei der Grössenauswahl der NBM-Kollektion und verkaufen Socken oder Handschuhe.  Es ist ein unermüdliches Räderwerk aus Dienstleistung und Begeisterung.

Nimm die Handschuhe, die halten dich morgen warm. Bei diesem Wetter sind sie dein bester Freund auf der Strecke.

Sarah Voluntari

rät Voluntari Sarah beim Verkaufsstand mit einem Augenzwinkern, während sie die passende Grösse heraussucht. Der Kunde nickt dankbar, greift zu.

Startnummernausgabe beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

Ich folge einer weiteren Voluntari, die vorhin die Strecke fürs Kids Race gesichert hat. Bei meinem letzten Foto erwische ich gerade noch Rafi von der Bike-Schule Scuol-Ftan in Action. Er ist der «Besenwagen» des Kinderrennens und sorgt dafür, dass kein Knirps im Regen verloren geht.

Kids Race beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin mit jungen Mountainbikern.

Gänsehaut und Startnummernfieber

Ich flüchte vor dem Guss und wechsle in die Eishalle Gurlaina. Wo sonst Pucks übers Eis jagen, herrscht heute ein ganz anderer Betrieb: drinnen findet die Startnummernausgabe statt. Es riecht nach Sportgetränken, feuchten Bike-Klamotten und dieser ganz speziellen Mischung aus Nervosität und Vorfreude, die nur ein Vorabend vor dem grossen Rennen erzeugt. Und mittendrin: die Helferinnen und Helfer an den Tischen. Trotz des Ansturms und der tausend Fragen haben sie für alle Teilnehmenden ein motivierendes Lächeln übrig – jene Herzlichkeit, die man in keinem Reglement findet, die aber den Geist dieses Rennens ausmacht. Die flinken Hände flitzen über die Couverts und zücken routiniert die richtige Startnummer heraus.

Teilnehmer füllt Anmeldeformular beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin aus.

Im hinteren Teil der Halle steht das Buffet bereit. Während die Grossen bei der Pasta-Party ihre Kohlenhydratspeicher für die bevorstehenden Höhenmeter füllen, darf vorne bereits gefeiert werden: Die Siegerehrung des Kids Race sorgt für Stimmung. Es ist ein Moment, der Gänsehaut garantiert. Wenn die Kleinsten mit ihren Medaillen um die Wette strahlen, vergisst man draussen den Regen. Und auch hier sind es die Voluntaris, die im Hintergrund die Auszeichnungen bereitlegen, Namen aufrufen und den Nachwuchs wie Weltmeister feiern. Es ist die Ruhe – oder besser: das freudige Fest – vor dem grossen Sturm.

Verpflegung für Teilnehmer beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

Schnee im August: Die Stunde der Macher

Schnitt. Samstagmorgen, 5.30 Uhr. Die Stille in Scuol wird durch das erste Klicken von Klickpedalen unterbrochen. Es regnet weiterhin in Strömen. Doch wer den Blick nach oben wagt, sieht das weisse Dilemma: Die Bergflanken glitzern hell. Schnee im August – der Albtraum jedes Veranstalters.

Während die Athletinnen und Athleten noch ihre Nervosität unter den Regenjacken verbergen, hat Chantal Mayor die entscheidenden Etappen bereits gemeistert. Die OK-Präsidentin hat von Donnerstag auf Freitag kaum geschlafen. Sie studierte Wetterberichte und prüfte mögliche Szenarien. Die Entscheidung fiel am Freitagvormittag: Die Sicherheit geht vor. Die Organisatoren setzen auf die Alternativstrecke für die Königsdistanz. In der Nacht auf Samstag folgte die typische Unruhe vor dem grossen Tag. Sie fragte sich, ob jedes Zahnrad ineinandergreift. Doch jetzt steht alles.

«Bamm!» Der Startschuss zerreisst die morgendliche Ruhe. Ein mechanisches Klicken von hunderten Pedalen folgt, dann das Rauschen der Reifen auf dem nassen Asphalt. Während das Feld im Sprühregen verschwindet, atmet Chantal tief durch. Doch für die Voluntaris an der Strecke beginnt die Arbeit jetzt erst richtig. Wir steigen ins Auto und fahren nach Ardez, wo die Teilnehmenden schon bald die engen Gassen passieren werden.

Startfeld des Nationalpark Bike-Marathons im Unterengadin mit Begleitfahrzeug.

Schutzengel im Sprühregen

Mitten im Dorf, zwischen den geschmückten Engadiner Häusern, steht Bigna. In ihrer leuchtenden Weste ist sie kaum zu übersehen. Mit weit ausholenden Armbewegungen weist sie den ankommenden Fahrerinnen und Fahrern den Weg durch das Labyrinth aus Kopfsteinpflaster. Vor einer besonders tückischen, nassen Kurve wird sie laut: 

Abbremsen! Vorsicht!

Bigna Voluntari

ruft sie den Vorbeijagenden zu. Es ist eine Mischung aus Kommandogeberin und Schutzengel.

Volunteer weist Strecke beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

Chantal beobachtet die Durchfahrt mit einem Lächeln. Alles läuft nach Plan. Trotz der Kälte, trotz des Schnees auf den Gipfeln und der kurzfristigen Umleitung: Das Rennen läuft. Wir fahren weiter. Im Kofferraum verstauen wir Chantals Trottinett, das die Startnummer 1 trägt – ihr Markenzeichen. Doch die Zeit zum Durchatmen ist kurz. Zwischendurch steht Chantal dann doch selbst im Rampenlicht: Interviewtermin mit RTR.

Mountainbiker auf Kopfsteinpflasterstrecke im Dorf beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

Vor der laufenden Kamera wirkt sie ruhig und fokussiert, trotz der schlaflosen Nacht und der Last der Verantwortung. Sie spricht über die Sicherheit, die Alternativstrecke und den unbändigen Willen der Teilnehmenden. Es ist einer dieser Momente, in denen sie dem Marathon eine Stimme gibt, während ihre Helferinnen und Helfer draussen im Wind dem Rennen ein Gesicht verleihen. Sobald das rote Licht der Kamera erlischt, ist sie wieder die Macherin, die sich auf den Weg zum nächsten Posten macht.

Interview mit Teilnehmerin beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.
Für einen Moment stehe ich vor der Kamera – aber im Kopf bin ich schon wieder beim nächsten Posten.

Chantal Mayor OK-Präsidentin

Währenddessen herrscht in und um die Gurlaina-Halle logistische Hochleistung: Weitere Voluntaris kümmern sich um den Effektentransport. Es ist Knochenarbeit. Es sind diese starken Arme und flinken Sortierer, die dafür sorgen, dass jeder erschöpfte Biker im Ziel sofort in seine trockenen Kleider schlüpfen kann – ein Luxus, der bei diesem Regen Gold wert ist.

Freiwillige bereiten Starterpakete für den Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin vor.

Mehr als nur ein Finisher-Zopf

Stunden später in Scuol. Die ersten Finisher rollen über die Ziellinie. Sie sind gezeichnet vom Schlamm, die Gesichter verkrustet von Salz und Dreck. Doch im Ziel wartet die Belohnung. Jene Hände, die gestern noch Startnummern sortierten, übergeben den Finisher-Zopf. Ein warmer Tee und ein herzliches «Gratulaziun!» – hier wird der Erfolg gemeinsam gefeiert.

Mountainbiker erreicht das Ziel beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

Doch die Arbeit hört damit nicht auf. Weiter hinten gewährleisten die Voluntaris die Bike-Reinigung. Mit Wasserschläuchen kämpfen die Teilnehmenden gegen den hartnäckigen Engadiner Schlamm an, der sich in jede Ritze der teuren Mountainbikes gefressen hat.

Teilnehmer reinigen ihre Mountainbikes nach dem Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

Wenn die Scheinwerfer in der Eishalle Gurlaina erlöschen, werden die Voluntaris immer noch da sein, um aufzuräumen. Ohne sie wäre dieser Marathon nur eine Strecke auf einer Karte. Dank ihnen ist er eine Erfolgsgeschichte mit Herzschlag. Jahr für Jahr.

Text und Fotos:
Franz Thomas Balmer

Mountainbiker fährt durch Dorfstraße beim Nationalpark Bike-Marathon im Unterengadin.

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